Geschichte der Gegenwart (Buchprojekt Prof. Rödder)
Das auf den ersten Blick paradoxe Programm einer „Geschichte der Gegenwart“ ergibt sich aus der Beobachtung einer Lücke: während sich die Sozialwissenschaften auf synchrone Gegenwartsanalysen mit möglicherweise prognostischen Aussagen konzentrieren, enden geschichtswissenschaftliche Darstellungen zumeist an der Sperrfrist der Archive, jedenfalls mit dem Umbruch von 1989/90. Somit bleibt die Gegenwart in ihrem historischen Zusammenhang in der wissenschaftlichen Forschung ebenso wie in der gesellschaftlichen Debatte eigentümlich unterbelichtet. Die „Geschichte der Gegenwart“ verfolgt daher das Ziel, die zentralen Entwicklungen und Probleme unserer Gegenwart in ihrer historischen Entstehung und in ihrem globalen Zusammenhang zu erklären.
Dazu geht sie in zeitlicher Hinsicht nicht von einem einheitlichen Anfangspunkt – etwa 1989/90 – aus, um von dort aus die folgenden Entwicklungen darzustellen. Stattdessen wählt sie einen kausal-genetischen Ansatz, indem die leitenden Tendenzen unserer Gegenwart identifiziert und in ihrer jeweiligen historischen Dimension erklärt werden. Immer wieder treten dabei in besonderem Maße und in Auseinandersetzung mit aktuellen Trends der Forschung die siebziger und vor allem die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts als eine Periode des grundlegenden Wandels von Prämissen der Moderne hervor. Als ein zweiter Bezugsschwerpunkt bietet sich die Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert an, in der Phänomene der Beschleunigung und der ‚ersten‘ Globalisierung, der technologischen und lebensweltlichen Veränderungen und allgemein einer breiten Verunsicherung zu beobachten sind.
In räumlicher Hinsicht ist das Vorhaben in konzentrischen Kreisen angelegt. Deutschland ist in einem inneren Kreis angesiedelt, von dem aus im jeweils relevanten Zusammenhang auf den europäischen Kontext und den transatlantischen Raum bzw. den westlichen Kulturkreis sowie auf die globale Dimension ausgegriffen wird.
Methodisch werden zunächst zeitgenössische sozialwissenschaftliche Gegenwartsanalysen aufgearbeitet, vor allem aus der Soziologie, der Politik- und Staatswissenschaft, der Kommunikationswissenschaft, den Wirtschaftswissenschaften und der Sozialpsychologie. Diese werden in einem zweiten Schritt historisiert, indem sie auf ihre historische Signifikanz hin befragt, mit geschichtswissenschaftlichen Deutungskonzepten in Verbindung gebracht und in eine diachrone Dimension eingeordnet werden, so dass eine eigene und neue historische Perspektive entsteht.
Inhaltlich wird die „Geschichte der Gegenwart“ mit den grundlegenden technologischen und ökonomischen Transformationsprozessen der vergangenen Jahrzehnte im Zeichen von Digitalisierung und Globalisierung einsetzen, um dann insbesondere nach deren gesellschaftlich-kultureller Verarbeitung zu fragen. Vor diesem Hintergrund werden die sozialstrukturellen Tendenzen sowie die Entwicklung im Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie, Interventionsstaat und Bürgergesellschaft und die eigentümliche Karriere des „Modells Deutschland“ analysiert. Daran schließen sich zwei genuin internationale Perspektiven an: die Geschichte der europäischen Integration und ihrer Muster sowie die Entwicklung der Weltpolitik und die Frage nach der Herausbildung einer globalen Gesellschaft im ausgehenden 20. Jahrhundert.
Die „Geschichte der Gegenwart“ versteht sich somit als Beitrag zur fachlichen Diskussion der jüngsten Zeitgeschichte und darüber hinaus zugleich als historisches Deutungs- und Erklärungsangebot für die gesellschaftliche Diskussion der zentralen Probleme unserer Zeit.