Das Jahrhundert der Manager - Werte und Wertewandel in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft 1890-2010

(gefördert durch die DFG seit Februar 2010) 

Das Projekt „Das Jahrhundert der Manager“ verfolgt das Ziel Werte und Wertewandel in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft zu erklären. Erforscht werden die Einstellungen zu Arbeit, Führung und Leistung und ihr Wandel im 20. Jahrhundert. Die Untersuchung ist somit eine sozialkulturelle Problemgeschichte deutscher Wirtschaftseliten als historische Wertewandelsforschung.


Im Zentrum der Untersuchung stehen die Manager und leitenden Angestellten deutscher Unternehmen. Es geht in der Monographie also ganz explizit nicht um einige wenige große Wirtschaftspersönlichkeiten oder Eigentumsunternehmer, sondern mit dem Einbezug von hunderttausenden leitenden Angestellten um eine viel größere Personengruppe, die in der Historiographie bisher wenig beachtet wurde. Denn in der Tat sind die leitenden Angestellten eine Schlüsselgruppe für das Verständnis von sich verändernden Einstellungen zu Arbeit, Führung und Leistung und damit auch für den Formwandel des Kapitalismus in Deutschland. Die Perspektive des Projekts ist bewusst langfristig diachron angelegt, um dem zähflüssigeren Charakter von Einstellungsveränderungen und Wertewandel gerecht zu werden. Die Untersuchung hat demnach einen chronologischen Aufbau, ist aber keine reine Entwicklungsgeschichte der Sozialformation „leitende Angestellte“, sondern hat darüber hinaus eine unternehmensgeschichtliche und gesellschaftspolitische Dimension, um anhand von Fallbeispielen zentrale Wertewandelsprozesse herausarbeiten zu können.


Das Projekt verfolgt somit drei miteinander verwobene Geschichten: erstens die Geschichte der leitenden Angestellten, zweitens die Geschichte der Arbeit und drittens die Geschichte von industrieller Führung. Diese drei thematischen Entwicklungsstränge werden auf den drei Untersuchungsebenen der Studie (Binnendiskurs der Führungskräfte, gesellschaftlicher Diskurs um Führungskräfte, unternehmensinterner Diskus und soziale Praxis) analysiert, um zu neuen Erkenntnissen über Wertewandelprozessen zu kommen. Dies geschieht folgendermaßen: erstens erlaubt die arbeitsrechtliche Geschichte der leitenden Angestellten - über die Analyse des Selbstverständnisses der Gruppe und über die betriebliche und gesellschaftliche Auseinandersandersetzung um die leitenden Angestellten - Aufschlüsse über den soziokulturellen Prozesse der Entstehung einer kollektiven Identität dieser „neuen“ Sozialformation. Zentrale über die Jahrzehnte verhandelte Werte sind dabei Leistung und Selbstständigkeit. Zweitens erlaubt die Analyse der allgemeineren arbeitsgeschichtlichen Entwicklung und der für die Führungskräfte relevanten Diskursfelder wie Arbeitszeit, Freizeit, Mitbestimmung, weibliche Führungskräfte, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Ausbildung und Führungskräftenachwuchs Erkenntnisse über den Wandel des Werts der Arbeit zwischen Diskurs und Praxis. Drittens ermöglicht eine Untersuchung der Auseinandersetzungen um Personalführungskonzepte und Managementmodelle einen Zugriff auf die historische Entwicklung von industrieller Führung. Was bedeutet „Führung“ in Deutschland nach dem Nationalsozialismus und welche Rolle spielt hierbei der „Wertewandelschub“ der späten 1960er und frühen 1970er Jahre? Zentrale über die Jahrzehnte verhandelte Werte sind dabei Autorität, Disziplin und Kontrolle sowie Vertrauen, Motivation und Selbstverantwortung.
Die zentrale Annahme des Projekts ist: Das 20. Jahrhundert ist wirtschaftsgeschichtlich nicht nur deshalb das „Jahrhundert der Manager“, weil die Gruppe der leitenden Angestellten zahlenmäßig und in ihrer Bedeutung stetig zugenommen hat, sondern auch weil die Einstellungen zu Arbeit, Führung und Leistung der leitenden Angestellten und die Auseinandersetzungen um die neuen Führungskräfte das deutsche Wirtschaftsbürgertum fundamental verändert hat.

Kontakt: Dr. (des.) Bernhard Dietz
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