Karl Forster (1928-1981) und der Katholizismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland

Der katholische Theologe und Priester Karl Forster (1928-1981) nahm mit Wachsamkeit Entwicklungsprozesse der politischen Kultur in der Bundesrepublik wahr, in der traditionelle christliche Werte im Umbruch der 1960er und 1970er Jahre auffallend zur Disposition standen, so bemerkte er in einer Neujahrspredigt 1972: „Das Erschreckende der Gegenwart liegt darin, daß der Mensch sich selbst unheimlich wird. Die größten Gefährdungen sind Nebenprodukte der rationalen Planung, des technischen Fortschritts, der Emanzipation von allen Tabus. […] Hat die christliche Botschaft eine Antwort auf die Frage, die sich aus den eben angedeuteten Sorgen stellt?“

Vor dem Horizont des Wertewandels steht als Untersuchungsgegenstand des Projekts die Biographie Karl Forsters von der aus Wechselbeziehungen zwischen Katholizismus, Politik, Gesellschaft und Zeitgeist in der Bundesrepublik aufgezeigt werden sollen.

Die Auswirkungen des Wertewandels in Formen von Pluralisierung und Individualisierung gingen einher mit Kirchenaustritten und spürbarem Ausbleiben des Priesternachwuchses. Die Kirche als klassische Sinn- und Werteanbieterin war angesichts der sich abzeichnenden Distanzierung gegenüber gelebter Glaubensüberzeugungen gefordert, auf die Entwicklungen zu reagieren.

Karl Forster sah diese Aufgabe bereits sehr früh. Seit 1957 leitete er als Gründungsdirektor die „Katholische Akademie in Bayern“, auf deren Tagungen aktuelle Themen aufgegriffen und mit prominenten Persönlichkeiten diskutiert wurden. Unter seiner Führung entstand ein Mikrokosmos der politischen Kultur. Hier stritten bspw. Herbert Wehner (SPD), Karl Theodor von und zu Guttenberg (CSU), Heinrich Krone (CDU) oder auch Erich Mende (FDP) um Deutungsmuster und -hoheiten. Forster wurde zu einem wichtigen Ansprechpartner und Vermittler und unterhielt als ein Berater von Julius Kardinal Döpfner wichtige Kontakte nach München, Bonn, Paris und in die USA.

Nach seiner Berufung 1967 zum Sekretär der DBK zählten die Außenwirkung und die innere Neustrukturierung des Katholizismus nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) zu den zentralen Bezugspunkten seines Schaffens. Diesen Anliegen blieb er auch als Professor für Pastoraltheologie an der Universität Augsburg seit 1971/72 bis zu seinem frühen Tod treu.

Karl Forster stand zwar „nur“ in der zweiten Reihe der katholischen Kirche, doch an zentralen Schnittstellen zwischen Kirche und politischer Kultur. Hier war es an ihm den Wandel von Werten und Zeitgeist zu erkennen, für den Katholizismus fruchtbar zu machen und umgekehrt die politische Kultur im christlichen Sinn zu beeinflussen.

 

Kontakt: Simon Oelgemöller