Der Wandel familialer und familiärer Werte in Deutschland, 1880-1990

 

(gefördert durch die DFG seit April 2008)

   
Ein großbürgerliches Familienoberhaupt im Jahr 1921 hätte sich kaum vorstellen können, dass ein Dreivierteljahrhundert später unter demselben Dach eine WG, ein Doppelverdienerpaar ohne Kinder, eine Patchwork-Familie und ein homosexuelles Paar zusammenleben würden. Dass solches heute als bundesdeutsche Normalität weitgehend akzeptiert wird, verweist auf grundlegende sozialkulturelle Veränderungsprozesse im 20. Jahrhundert, die in der Geschichtsschreibung zunehmend thematisiert und diskutiert werden.

Die langfristige Entwicklung der Werte allerdings liegt – jenseits pauschaler Vermutungen – weitgehend im Dunkeln. Die sozialwissenschaftliche Wertewandelsforschung hat nur Aussagen über das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts machen können, während sich die historische Erforschung bürgerlicher Werte auf die Zeit vor 1914 konzentriert hat. Dabei sind es gerade diese bürgerlichen Werte, die von den Sozialwissenschaften als zentraler Gegenstandsbereich des Wertewandels seit den 1960er Jahren identifiziert worden sind.

Als einen exemplarischen Gegenstand der historisch-empirischen Untersuchung wählt das Projekt den Querschnittsbereich der Familie, den die sozialwissenschaftliche Forschung als Kernbereich des Wertewandels im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts identifiziert hat. Unter Familie wird dabei nicht nur die „bürgerliche Familie“ im engeren Sinne verstanden, vielmehr umfasst sie – als analytische Kategorie – intergenerationelle Lebensgemeinschaften allgemein. So kann ein breites Spektrum von Lebensformen in den Blick genommen werden, um weitgehenden Aufschluss über den Wandel von Familien- und Privatheitswerten zu gewinnen. Neben der übergeordneten Fragestellung – wann, wie, wodurch und warum haben sich gesellschaftliche Wertsysteme verändert und welche Bedeutung haben Werte für den gesellschaftlich-kulturellen Wandel – lautet die zentrale Leitfrage dieses Einzel-Projekts: Welche Rolle spielen Werte für den Wandel der Familienstruktur? Erkenntnisleitender Ausgangspunkt ist die Frage nach den Ursachen dafür, dass die traditionelle Ein-Ernährer-Hausfrauenfamilie ihren Status als das einzig erwünschte Familienmodell verlor und Platz machte für die Akzeptanz einer Vielzahl verschiedener Familienformen.

Vier Untersuchungsgegenstände sollen diesbezüglich analysiert werden:

1. Familienbegriffe/Familienleitbilder, Morphologie, Binnenstruktur
2. Funktion der Familie in der Gesellschaft
3. Wertvorstellungen innerhalb der Familie
4.  „Abweichendes Verhalten“ und gesellschaftliche Sanktionierung

Anhand repräsentativer Fallbeispiele wird erstens die Kommunikation von Werten im Hochdiskurs untersucht, zweitens die v. a. massenmediale Vermittlung über den Breitendiskurs erschlossen und drittens die soziale Praxis analysiert. Im Anschluss erfolgt – gemäß dem Dreiecksmodell – die Korrelation von diskursiv verhandelten Werten und sozialer Praxis bzw. institutionellen Strukturen.
Soziale Praktiken und Institutionen sind im Hinblick auf Familie vielfach untersucht worden, so dass auf diese Forschungsergebnisse zurückgegriffen werden kann. Die Korrelation dieser Ebenen (etwa des sozialstrukturellen und des sozialkulturellen Wandels, der Entwicklung der Geschlechterverhältnisse oder des Sozialstaats) mit der Ebene der diskursiv verhandelten Werte und ihrer Entwicklung bzw. die Spezifizierung kausaler Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen in historisch-diachroner Dimension steht unterdessen aus und ist das Ziel dieses Projekts.

 

Kontakt: Dr. Christopher Neumaier
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