Referenzrahmen des Krieges

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Wahrnehmungen und Deutungen von Soldaten der Achsenmächte 1939-1945

 

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Die Bücher über den Zweiten Weltkrieg füllen kilometerlange Regale. Schlachten, Feldzüge und unfaßbare Verbrechen sind vielfach beschrieben worden. Auch die Erinnerung an die Zeit von 1939 bis 1945 ist mittlerweile gut erforscht. Dennoch gibt es noch immer große Wissenslücken: Wie die Zeitgenossen damals Krieg und Politik wahrgenommen haben, wie sie über ihn dachten, ihn deuteten, ist kaum bekannt. Tagebücher stehen nur in sehr begrenztem Umfang zur Verfügung, Briefe sind in ihrem Aussagewert meist sehr beschränkt.

Das von dem Mainzer Zeithistoriker Prof. Dr. Sönke Neitzel und dem Essener Sozialpsychologen Prof. Dr. Harald Welzer in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut in Rom geleitete Projekt rekonstruiert nun erstmals umfassend, wie deutsche und italienische Soldaten den Krieg wahrgenommen haben, als er geschah, indem es einen von der Forschung noch nicht genutzten Quellenkorpus auswertet: Zum einen handelt es sich um Abhörprotokolle von Gesprächen deutscher und italienischer Kriegsgefangener in britischem Gewahrsam, die in den Jahren 1940 bis 1943/45 entstanden sind. Dieser ungeheuer facettenreiche, rund 50.000 Seiten umfassende Bestand wird mit dem interdisziplinären Ansatz der Referenzrahmenanalyse erschlossen und ausgewertet. Zum anderen werden Abhörprotokolle von Gesprächen deutscher Kriegsgefangener in amerikanischem Gewahrsam, die in den Jahren 1942 bis 1945 entstanden sind, ausgewertet. Dieser Bestand umfasst über 2.400 Aktenvorgänge mit insgesamt etwa 25.000 Seiten und lagert in den Washingtoner  National Archives. Dieses reichhaltige Material wird Herr Römer, der als ein ausgewiesener Nachwuchshistoriker zum Team des Historischen Seminars hinzu gestoßen ist, in einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in Washington zunächst lückenlos erschließen, bevor auch diese Quellen in einem zweiten Schritt mit dem Ansatz der Referenzrahmenanalyse, einer besonders fruchtbaren Methode an der Schnittstelle zwischen Zeitgeschichtsforschung und Sozialpsychologie, ausgewertet weden. Darüber hinaus eröffnet das amerikanische Abhörmaterial die einmalige Möglichkeit, die Wahrnehmungsmuster der abgehörten deutschen Kriegsgefangenen mit ihrem soziographischen Profil in Verbindung zu bringen, da der Quellenbestand zu jedem der abgehörten Soldaten ein Formblatt mit personenbezogenen Daten bereithält. Auf diesem Wege soll rekonstruiert werden, wie die Angehörigen der Wehrmacht zeitgenössische Situationen während des Zweiten Weltkrieges wahrgenommen und gedeutet haben, was nicht zuletzt dazu dient, ihr Entscheidungsverhalten zu ergründen.

Das Wissen um die Wahrnehmung der totalitären politischen Systeme in Deutschland und Italien, der Kriegsverbrechen, der Binnenstrukturen der Armeen, der Kriegsgegner, aber auch des erwarteten bzw. befürchteten Kriegsverlaufs und der Nachkriegsfolgen kann anhand dieser Quellen ganz erheblich erweitert werden. Damit erhält die Forschung einen vertieften Einblick in die Art und Weise, wie Menschen Extremerfahrungen von Krieg und Diktatur wahrnehmen und interpretieren – und dies in international vergleichender Perspektive. Das Projekt wird damit einen entscheidenden Beitrag für die Mentalitätsgeschichte des Zweiten Weltkriegs liefern.

„Referenzrahmen des Krieges – Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Wahrnehmungen und Deutungen von Soldaten der Achsenmächte, 1939-1945“

Prof. Dr. Sönke Neitzel
Universität Mainz, Historisches Seminar Abt. IV
Jakob-Welder-Weg 18
D-55128 Mainz
Tel.: 06131/3922776
Fax: 06131/3925480

Prof. Dr. Harald Welzer
Kulturwissenschaftliches Institut
Goethestr. 31
D-45128 Essen
Tel.: 0201/7204 211
Fax.: 0201/7204 111