Ninfa: Das „Pompeji des Mittelalters“

Etwa eine Autostunde südlich von Rom liegt in der pontinischen Ebene, zu Füßen der Monti Lepini, Ninfa, ein singulär, ein suggestiver Ort. Das sensible Ensemble aus Ruinen, Pflanzen und Tieren ist nur an einigen Tagen im Jahr der Öffentlichkeit zugänglich und war bisher nicht Gegenstand systematischer kulturgeschichtlicher Untersuchungen. Seit dem Jahr 2000 ist Ninfa Naturdenkmal (Monumento Naturale) der Region Latium.

Zwei Aspekte sind es, welche Ninfa zu einem weltweit einzigartigen Zeugnis machen. Die im hohen Mittelalter an dieser Stelle entstandene mittelalterliche Stadt fiel seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert nach und nach wüst. Die Ruinen des Kastells, der Stadtmauer, des Rathauses sowie zahlreicher Kirchen und Häuser beschrieb Ferdinand Gregorovius im 19. Jahrhundert als „märchenhafte Ruine einer Stadt“, als „Pompeji des Mittelalters“ bzw. als „Pompeji des Christentums“. „Dieses entzückende Nympha“ – so Gregorovius – ist das reizendste Märchen der Geschichte und Natur, das ich irgend in der Welt gesehen habe.“ Die Suggestion dieser Ruinenlandschaft zog auch Künstler (nicht zuletzt deutschsprachige) in ihren Bann.

Im 20. Jahrhundert wurden die von zahlreichen Pflanzen überwucherten Ruinen von den Besitzern, der alten römischen Adelsfamilie der Caetani, in einen englischen Landschaftsgarten umgewandelt. Einer jüngeren englischsprachigen Publikation zufolge  (Charles Quest-Ritson, London 2009) gilt er als „the most romantic garden in the world“. Die wasserreiche Südlage unterhalb der schützenden Monti Lepini sowie das innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern herrschende spezifische Mikroklima begünstigen die von Menschen geschaffene bzw. ermöglichte singuläre Symbiose zwischen Ruinen und Pflanzen, zwischen Wasserläufen und seltenen Tieren (insbesondere Fischen und Vögeln). Immer wieder fallen bei stets wechselnden Licht- und Farbverhältnissen faszinierende Wechselwirkungen und Kontraste zwischen jenen Mustern ins Auge, welche die Mauern und die ihnen verbundenen Pflanzen kreieren. Der Erhalt des Gleichgewichts zwischen den Resten historischer Bauten einerseits und einer vielfältigen Fauna und Flora andererseits zählt zu den Hauptzielen der Gartendirektion. So gedeiht hier eine ruinenspezifische Flora, deren Wurzeln die noch existenten Baudenkmäler nicht gefährden sollen.

Im Rahmen des Projektes werden momentan zwei Vorhaben verfolgt:

1) An einem Buchprojekt arbeiten derzeit Michael Matheus und Christoph Brech in Zusammenarbeit mit Andreas Beitin.

Christoph Brech, vor seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München selbst zum Gärtner ausgebildet, hat die Gärten von Ninfa über zwei Jahre hinweg fotografisch dokumentiert. Das Ziel war, diese wohl einmalige Garten- und Ruinenlandschaft nicht nur als romantischen Park im Wandel der Tages- und Jahreszeiten festzuhalten, sondern auch durch genaue Beobachtung für diesen Ort wesentliche Sujets herauszukristallisieren, wie etwa die Gegenüberstellung von gewachsenen und gebauten Strukturen oder die Pflanzen in Herbst- und Winteraufnahmen selbst als Ruinen zu zeigen.

Ergänzend zu den Fotografien beschreibt der Historiker und langjährige Direktor des Deutschen Historischen Instituts (DHI) in Rom, Michael Matheus, die Genese und den Niedergang der mittelalterlichen Stadt, die Umwandlung der Ruinen in ein Gartenensemble sowie die Wahrnehmung des „Pompeji des Mittelalters“ besonders durch deutsche Schriftsteller und Künstler.

Michael Matheus, Andreas Beitin, Christoph Brech (Fotos), Ninfa. Das „Pompeji des Mittelalters“, Schnell und Steiner (in Vorbereitung)

2) Zweitens soll auf der Basis einer systematischen Auswertung der erhaltenen Schriftquellen sowie auf der Grundlage von terrestrischem und luftgestütztem 3-D-Laserscanning der erhaltenen Ruinen eine virtuelle Rekonstruktion der mittelalterlichen Stadt erfolgen (Dr. Martin Schaich, ArcTron3D).

Beim Vorhaben handelt es sich um ein Kooperationsvorhaben zwischen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, dem Deutschen Historischen Institut (DHI) in Rom, der Scuola di specializzazione Beni architettonici e Paesaggio an der Universität Rom "La Sapienza", der Fondazione Roffredo Caetani und den Giardini di Ninfa. Mittelfristig soll das Projekt Teil eines interdisziplinären und Epochen übergreifenden Projektes zur Umweltgeschichte der pontinischen Sümpfe werden.